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Frankreich: Genfer See – Mittelmeer Motorrad Tour

[image: Frankreich Genfer See – Mittelmeer]
[image: Tourdaten]

Kilometer | Tage | Höhenmeter

[image: Map]

Die Vielfalt Südfrankreichs erfahren – Vom Genfer See durch die Westalpen zur Côte d’Azur

Kaum noch eine Handbreit steht die Abendsonne über dem Wasser und hüllt die Seepromenade von Vevey in ein warmes, goldenes Licht. Rasch noch meine sieben Sachen im Hotel verstauen und mein britisches Raubtier im Hof sicher „verankern“, dann heißt es auch für mich: Ausspannen. Und Gräten strecken, denn 700 km betongraue Autobahnhatz stecken mir gehörig in den Knochen. In „Charly’s Café“ direkt an der Promenade lasse ich diesen Herbsttag mit seiner satten Portion Altweibersommer-Feeling ausklingen. An Schlaf ist eh noch nicht zu denken, denn immer wieder kreisen meine Gedanken um die bevorstehende Tour. Die hat es wahrlich in sich.

Strahlender Sonnenschein treibt mich anderntags früh aus dem Bett, fette Herbstnebel wabern direkt über dem Wasserspiegel entlang der Bootsstege. Natürlich lasse ich mir eine Runde um den Genfer See nicht nehmen, gleichwohl die Uferstrecke auf Schweizer Seite morgens und abends an so mancher Stelle im Verkehr zu ersticken droht. Aber meine auf der gestrigen Autobahnhatz beinahe eckig gefahrenen Reifen müssen sich erst einmal wieder sauber „profilieren“ für die anstehenden Alpenpässe.

Vor allem Lausanne ist so ein Rush-Hour-Moloch. Zwar führt die Uferstraße im Süden um das Stadtzentrum herum, dennoch herrscht hier zermürbendes Stopp-And-Go. Macht aber nichts, ich habe Zeit und gönne mir dafür immer wieder lange Blicke auf den See.

Über Morges und Rolle geht es gen Westen, herrliche Seegrundstücke mit teuren Villen ducken sich hinter blickdichten Hecken, lassen allerdings erahnen, dass es etwas ganz Besonderes sein muss, hier zu leben. Zumindest für den, der es bezahlen kann und will. Genf ganz am Südwestzipfel des Sees ist ebenfalls ein staugefährdetes Pflaster, tunlichst vermeide ich auch hier den Abzweig in das Zentrum der Finanzmetropole, bleibe stattdessen konsequent am Seeufer und folge den Wegweisern zur französischen Grenze.

[image: Frankreich: Genfer See – Mittelmeer]

Nach der Grenze zu Frankreich kehrt spürbar Ruhe ein

Aber halt, am Quai Gustav Ador heißt es, trotz allem Verkehr kurz den Seitenständer auszuklappen und den wohl berühmtesten Blick auf Genf zu genießen. Und zu fotografieren, versteht sich.

Kaum habe ich in Hermance die Grenze zu Frankreich überquert, kehrt spürbar Ruhe ein auf der Piste vor dem Windshield meiner Tiger Explorer. Über Yvoire, ein sehenswertes Dorf aus längst vergangenen Tagen, erreiche ich Thonon-les-Bains und damit meinen Einstieg in die legendäre Route des Grandes Alpes. Sie wird mich in den kommenden Tagen über die höchsten Pässe der Seealpen bis an die Cote d’Azur tragen. Rasch noch das etwas klein geratene Benzinfass der Tiger randvoll getankt und einen koffeinhaltigen Boxenstopp direkt am Jachthafen von Thonon eingelegt, dann heißt es: Knie an den Tank und ab nach Süden. Der erste Pass der Tour erwartet mich bereits.

Direkt in das Herz der Haute-Savoie dirigiere ich die Tiger Explorer, eine extrem hügel- und passereiche Region am Südufer des Genfer Sees. Okay, der Col du Corbier bei Bonnevaux besitzt mit seinen 1.237 Höhenmetern jetzt nicht unbedingt Weltruhm, als Warm-up für all die Höhepunkte, die noch kommen, ist er perfekt geeignet. In herrlichen Rechts-Links-Kombinationen führt er mich über Saint-Jean-d’Aulps zum Pass Nr. 2, dem Col de la Joux Verte auf bereits 1.760 m.

Morzine, ein gemütliches Bergdorf, das sich als Etappenziel der Tour de France einen Namen gemacht hat, lädt zu einem mittäglichen Einkehrschwung, bevor es weiter geht nach Chamonix. Direkt zu Füßen des gewaltigen Mont-Blanc-Massivs räkelt sich das weltberühmte Alpinressort mit seinen zwei Gesichtern: dem winterlich-weißen Rummelplatz der Eitelkeiten und Möchte-Gern-Promis und dem sommerlichen Beinahe-Geheimtipp für alle Genießer einer grandiosen Bergwelt. Wie zum Beispiel uns Biker. Doch allzu viel Zeit zum Genuss bleibt mir nicht, denn mit dem Col de la Forclaz sowie den beiden berühmten Bernhard-Brüdern ist mein Roadbook des ersten Tourentages mehr als rappelvoll.

Der Col de la Forclaz (1.527 m) ist trotz Schlaglochpiste rasch erobert, seine Nordostrampe erlaubt prächtige Ausblicke auf das Schweizer Städtchen Martigny, das Tor zum bekannten Tourenparadies Wallis. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Für mich ist Martigny heute das Tor zum Col du Grand Saint-Bernard.

[image: Frankreich Genfer See – Mittelmeer]

Nichts behindert den Rundumblick

In engen Kehren schrauben sich Mensch und Motorrad auf ordentlicher Piste hinauf in den Himmel. Kein Baum, kein Strauch behindert den Rundumblick auf die Gipfel der Seealpen.

Erst die äußerst karge Passhöhe und eine Handvoll wild um sich parkende Wohnmobile sorgen für Ernüchterung. Der Ausblick von hier ist dennoch ein Gedicht, ja fern am Horizont ist sogar der Mont Blanc zu erkennen und im Süden winkt mein weiteres Tourengebiet. Die Südseite des Galibier führt mich schnurstracks auf den Col du Lautaret (2.058 m) und sodann bundesstraßengleich hinab in die berühmte Festungsstadt Briançon.

Mein heutiges Nachtlager habe ich allerdings im sehenswerten Gap vorausgebucht. Auf dem Weg dorthin gilt es aber erst einmal noch, den Col d’Izoard auf 2.361 m „abzuhaken“. Mit 28 Kehren begeistert dessen Nordrampe, weitere vier sowie eine Vielzahl an Kurvenschwüngen später erreiche ich das Ufer des malerischen Lac de Serre-Ponçon und wenig später Gap. Hundemüde träume ich intensiv von Schlangenlinien und Funken sprühenden Fußrasten ...

Ein neuer Morgen bricht an, erneut kitzelt mich strahlender Sonnenschein aus den warmen Federn und macht sich daran, den Raureif auf dem Sattel der Triumph zu verdampfen. Den Herbst endgültig vertreiben wird mein heutiger Tourentag. Über 10 Pässe geht es hinab an die berühmteste Küste Europas, die Cote d’Azur. Mit Sonne satt und Prognosen um 26 Grad. Aber das mit den Prognosen ging ja kürzlich erst daneben …

[image: Frankreich Genfer See – Mittelmeer]

Gleich zwei Passstrecken bieten sich an

Noch einmal geht es zum bildhübschen Lac de Serre-Ponçon mit seinem einsamen Kirchlein mitten im Wasser und dann weiter nach Barcelonnette. Dort gilt es eine Entscheidung zu treffen, denn gleich zwei Passstrecken bieten sich zur Weiterreise an: die über den Col de la Cayolle sowie die über den Col d’Allos sowie Col des Champs. Letzteren kenne ich noch nicht und so ist die Entscheidung rasch gefällt. Kurz dem Cayolle (2.327 m) meine Aufwartung gemacht und dann via Allos zum Col des Champs. Welch ein Vergnügen, gehört der Col d’Allos mit seinen 2.251 m Höhe doch zu den landschaftlich schönsten Pässen der gesamten Alpen. Und seine Piste fordert ganzes Können. So, wie die zum Col des Champs (2.093 m) inmitten der lieblichen Hügel der Haute-Provence.

Sechs Pässe liegen noch zwischen mir und dem Mittelmeer, mit Höhen zwischen 700 und 1.700 m nun eher Genuss, denn Arbeit. In Guillaumes dafür den Blinker links gesetzt und via Col de Valberg (1.669 m) und Col de la Couillole (1.678 m) folge ich ganz bequem den seltenen, aber stets im richtigen Moment auftauchenden Wegweisern der „Route des Grandes Alpes“. Fast schon auf Sichtweite zu Italien schwingen die Pisten hinab nach Menton, der Col de Turini (1.607 m) ist mein Tor zur französischen Riviera, wie die Côte d’Azur auch genannt wird. An deren Gestaden, genauer gesagt in Menton, endet die Route des Grandes Alpes. Mit einem leisen Seufzer verabschiede ich mich von den höchsten und schönsten Pässen der Seealpen, wohl wissend, dass ich sie vor dem nächsten Wintereinbruch nicht mehr überqueren werde.

Doch genug geseufzt, der weitere Weg entlang der „Blauen Küste“ über Avignon und Narbonne bis hinein in die Pyrenäen ist nicht minder genüsslich. Schon immer wollte ich mal am Hafen von Monte Carlo einen Kaffee schlürfen, heute wird es so weit sein. Im Gewusel von Luxuskarossen treibe ich meine Triumph über jene im Alltag so unscheinbaren Pisten des spektakulärsten Formel-1-Rennens der Welt zielstrebig hinunter zu den „Ruderbooten“ der Schönen und Reichen. Echt nett hier in Monte Carlo, aber auch ziemlich viel Schickimicki. Und der komplett zubetonierte Horizont ist keine Zierde.

[image: Frankreich Genfer See – Mittelmeer]

Nizza, mein heutiges Etappenziel, ist mein persönlicher Favorit im Reigen der schönsten Städte an der „Côte“. An Nizzas Prachtstraße, der berühmten „Promenade des Anglais“ habe ich schon viermal in meinem Bikerleben den Seitenständer ausklappen und mich mit einem obligatorischen – hier stets etwas teureren – „Café au Lait“ akklimatisieren dürfen. Zwar verlangt die größte Stadt der Côte d’Azur vor allem morgens und abends eine geduldige Gashand, da Berufs- und Lieferverkehr selbst die vierspurigen Einfallstraßen zum Zentrum regelmäßig verstopfen. Doch es lohnt sich immer wieder, auf dieser Prachtstraße gemeinsam mit Joggern, Spaziergängern, Skatern, Möchtegern-Sternchen, Paparazzi und Inkognito-Stars zu promenieren.

Auch Nizzas historisches Zentrum sollte man tunlichst zu Fuß erkunden, zumal unzählige kostenlose Mopedparkplätze rund um die Altstadt derweil das Zweirad verwahren. Den schönsten Blick auf den historischen Hafen und die Stadt hat man übrigens vom östlichen Vorort Villefranche-sur-Mer aus. Und über einschlägige Buchungsportale ist auch in Nizza ein Zimmer zu akzeptablen Preisen zu finden.
Antibes mit seiner prächtigen Promenade macht den Anfang, Cannes, die Welthauptstadt des Filmes bildet sogleich eine erlebenswerte Steigerung, denn allein die Fahrt über die weltberühmte „Croisette“ bleibt für immer in Erinnerung. Nobelherberge reiht sich hier an Nobelherberge, allesamt fernab meines Budgets, aber nicht minder interessant.

Im fast schon beschaulichen Frejus endete 1995 meine allererste Reise an die Côte d’Azur – mein Gott ist das lange her. Der historische Hafen von „St. Tro“, wie wir Promis Saint-Tropez nennen, gleicht heute mehr denn je einer durchgängigen Shopping- und Fressgasse mit Meerblick, aber die im Hafen ankernden Jet-Set-Barkassen sind an diesem Tag nahezu allesamt doppelstöckig. Echt schick, aber ich möchte nicht tauschen – allein der Benzinverbrauch dieser Pötte im Leerlauf sprengt alle Dimensionen.

Die Silhouette von Marseille prägt bereits den Horizont, als die Landschaft der Côte d’Azur beginnt, ihren Reiz zu verlieren. Hafen- und Industriegebiete reihen sich aneinander, höchste Zeit für mich, bei Toulon den Blinker rechts zu setzen. Das Küstenhinterland und die Pisten der Provence erwarten mich bereits ungeduldig.

Aix-en-Provence ist die historische Hauptstadt eben jener Provence, ein quirliges Universitätsstädtchen mit langer Geschichte. Und langen Rotlicht-Phasen an zahlreichen Ampeln. Meine Tour zieht sich wie frisches Kaugummi, bis ich endlich die Nationalstraße 7 und bald darauf mein Etappenziel Avignon erreiche. Natürlich mit Blick auf die berühmteste Brücke Frankreichs.

Nein, damit meine ich nicht den Pont du Gard gleich westlich der Stadt – zu dem gleich noch ein paar Worte – sondern die berühmte Pont Saint-Bénézet nahe des imposanten Papstpalastes. Gemeinsam mit diesem bildet sie das UNESCO-Weltkulturerbe und hat sich nicht nur in französischen Volksliedern verewigt. Auch heute ist die durch Kriege und Hochwasser schwer beschädigte und seit 350 Jahren unbenutzte Steinbogenbrücke das touristische Ziel Avignons. Für dessen Begehung man allerdings einen satten Obolus entrichten muss. Mein Tipp: Vom (kostenlos zugänglichen) Rhone-Ufer sieht sie viel besser aus.

[image: Frankreich Genfer See – Mittelmeer]

Ähnlich verhält es sich auch mit eben jenem Pont du Gard westlich von Avignon. Von den Römern vor fast 2.000 Jahren als simple Wasserleitung erbaut, 275 m lang, 50 m hoch und auch sie ein Weltkulturerbe, dessen Anblick richtig Geld kostet. Wenn es denn nach der Gemeinde Vers-Pont-du-Gard und den „Erben“ dieses kleinen Weltwunders geht, denn beide Zugänge zur Brücke sind durch überdimensionierte kostenpflichtige Parkhäuser und -plätze abgeschottet.

Da gönne ich mir anderntags doch lieber eine ausgiebige Kurvenhatz durch die landschaftlichen Schätze der Provence und schwinge über Orange, Uzès und Nimes durch Vergangenheit und Gegenwart ganz gemütlich hinunter ans Meer Richtung Narbonne. Oder genauer gesagt Narbonne Plage, ein Touristendorf gesegnet mit einem kilometerlangen, goldgelben Sandstrand, der jetzt im Herbst 2012 mir ganz alleine zu gehören scheint. Oder liegt das etwa am kräftigen Ostwind, der den feinkörnigen Sand in jede erreichbare Körperöffnung drückt. Egal, ich gönne mir und meiner Tiger eine ausgiebige Verschnaufpause mit Meerblick. Dass allerdings kein einziges der zahlreichen Cafés im Umkreis an diesem Tag geöffnet hat, stört doch ein wenig. Jetzt einen leckeren Café creme und ein Tarte-aux-pommes, das wär’s doch …

Auch Narbonne im Hinterland der Küste geht auf römischen Ursprung zurück, ja hier fanden sich sogar kopfsteinerne Reste der legendären Rüttelstrecke „Via Domitia“, die Rom einst mit seinen spanischen Kolonien verband. Ganz so holprig sind die Pisten meiner letzten Etappe nach Carcassonne zwar nicht, aber üble Bitumen-Rollsplit-Flickaktionen verlangen meine volle Konzentration. In den Ausläufern der östlichen Pyrenäen räubern die Tiger und ich noch einmal ausgiebig herum, wir erklimmen Hügel und Berge, die mir angesichts der hinter uns liegenden Alpenpässe allerdings nur ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Aber ein höchst zufriedenes Lächeln, das am Ziel meiner Reise nochmals deutlich an Breite gewinnt.

[image: Frankreich Genfer See – Mittelmeer]

Perfekter Abschluss einer perfekten Reise

Denn Carcassonne gehört zu den sehenswertesten Städten Frankreichs, sein historisches Zentrum, das mittelalterliche Weltkulturerbe hoch auf steilem Fels ist ein perfekter Abschluss einer perfekten Reise.

Weit über 2.000 Jahre reichen Carcassonnes Wurzeln zurück in die Geschichte und auch heute ist ein Spaziergang durch die engen Gassen der Festung „La Cité“ wertvoller, als jede Leistungskurs-Geschichtsstunde in der Schule. Und das liegt nicht nur an den unzähligen herzhaft-leckeren Einkehrschwüngen, die sich auch dem Biker rund um den Place Marcou im Osten der Festungsstadt anbieten. Aber nach 2.000 Kilometern im Sattel, 22 Pässen und 626 Spitzkehren - viele davon auf der Ideallinie genommen - darf ich letztere jetzt ruhigen Gewissens auch einmal aus den Augen verlieren. Also zumindest in körperlicher Hinsicht …

  • Text: Heinz E. Studt
  • Fotos: Heinz E. Studt

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